Archive for Februar 2008

Basiert Wissenschaft auf Glauben?

Februar 29, 2008

Eine Übersetzung des Artikels „Is science faith-based?“ aus dem Bad Astronomy Blog von Phil Plait.

Nein.

Oh, ihr möchtet Einzelheiten? Nun denn.

Wann immer man ein antiwissenschaftliches Elaborat liest, kommt irgendwann der Punkt, an dem behauptet wird, Wissenschaft würde genauso auf Glauben basieren wie Religion. So hat zum Beispiel die schreckliche Website „Answers in Genesis“ (Antworten in der Genesis) folgendes über Wissenschaft zu sagen:

Ein Großteil des Problems stammt von den unterschiedlichen Ausgangspunkten in unserer Abweichung von den Darwinisten. Jeder, ob Wissenschafter oder nicht, muss seine Suche nach Wissen mit einem unbeweisbaren Axiom beginnen – einem a-priori Glauben, anhand dessen man seine Erfahrungen sortiert und andere Wahrheiten ableitet. Dieser Ausgangspunkt, was immer er sein mag, kann nur durch Glauben angenommen werden; schließlich muss es in jedem Glaubenssystem eine unbeweisbare, angenommene Grundlage für Schlussfolgerungen geben (da eine unendliche Regression unmöglich ist)

Da ist vollkommen falsch. Es zeigt (nicht überraschend) ein totales Missverständnis davon, wie Wissenschaft funktioniert. Wissenschaft ist nicht glaubensbasiert, und hier ist der Grund.

Die wissenschaftliche Methode trifft eine Annahme, und nur genau eine Annahme: das Universum beachtet eine Menge von Regeln. Das ist alles. Es gibt ein Korollar (Schlussfolgerung), das besagt, dass wenn das Universum diese Regeln befolgt, dann sind diese Regeln ableitbar, indem man beobachtet, wie sich das Universum verhält. Dies folgt einfach daraus; wenn es Regeln befolgt, dann müssen diese Regeln durch sein Verhalten enthüllt werden.

Ein einfaches Beispiel: Wir sehen Objekte, die die Sonne umkreisen. Die Bewegung scheint gewissen Regeln zu folgen: Die Orbits sind Kegelschnitte (Ellipsen, Kreise, Parabeln, Hyperbeln), die Objekte bewegen sich schneller wenn sie näher an der Sonne sind, wenn sie sich zu schnell bewegen, dann entfliehen sie für immer, und so weiter.

Aus diesen Beobachtungen können wir mathematische Gleichungen ableiten, um die Bewegungen zu beschreiben, und dann mit Hilfe dieser Gleichungen vorhersagen, wo ein bestimmtes Objekt zu einem zukünftigen Zeitpunkt sein wird. Und ratet mal! Es funktioniert! Es funktioniert so gut, dass wir Sonden auf Objekte schießen können, die Milliarden von Kilometern entfernt sind, und noch immer mit phänomenaler Genauigkeit zielen. Das unterstützt unsere Schlussfolgerung, dass die Formeln stimmen. Das wiederum impliziert stark, dass das Universum seine eigene Regeln befolgt, und wir sie verstehen können.

Nun ist das natürlich ein sehr einfaches Beispiel, und es ist nicht vollständig, aber es stellt das Prinzip dar, wie es funktioniert. Nun denkt einmal daran: der Computer, auf dem ihr das hier lest, beruht allein auf Wissenschaft. Die Schaltkreise sind das Ergebnis von Jahrzehnten, Jahrhunderten der Erforschung, wie Elektrizität funktioniert und wie sich Quantenpartikel verhalten. Der Monitor ist ein Triumph der technischen Wissenschaften, egal ob Röhrenmonitor oder LCD Flachbildschirm. Die Maus kann eine LED verwenden, oder eine einfache Kugel. Die Tastatur verwendet Federn, die kabellose verwendet Funktechnik, die Lautsprecher Elektromagnetismus.

Seht euch um. Autos, Flugzeuge, Gebäude. IPods, Bücher, Kleidung. Landwirtschaft, Rohrleitungen, Abfallentsorgung. Glühbirnen, Staubsauger, Öfen. Das alles sind Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung. Wenn euer Fernseher ausfällt, könnt ihr zwar beten, dass er im nächsten Moment wieder funktioniert, aber ich würde eher auf jemanden setzen, der gelernt hat, ihn auf Grund von technischen Prinzipien zu reparieren.

All das Wissen, das wir über Jahrtausende angesammelt haben, kommt in einer harmonischen Symphonie der Wissenschaften zusammen. Und wir raten hier nicht: diese Dinge wurden auf wissenschaftliche Weise und über Jahrhunderte aus vorangegangenem Wissen entwickelt. Und es funktioniert. All das unterstützt unsere zugrundeliegende Annahme, dass das Universum Regeln befolgt, die wir ableiten können.

Gibt es Lücken in diesem Wissen? Natürlich! Die Wissenschaft hat nicht alle Antworten. Aber sie hat das Werkzeug sie zu finden, eine Fähigkeit, die die Lästerer nie zu verstehen scheinen.

Wissenschaft ist nicht einfach eine Datenbank des Wissens. Sie ist eine Methode, eine Art, dieses Wissen zu finden. Beobachten, Hypothesen aufstellen, vorhersagen, beobachten, revidieren. Wissenschaft ist nicht endgültig; sie ist immer offen für Verbesserungen. Wissenschaft ist sogar sich selbst unterworfen. Wenn die Methode nicht funktionieren würde, würden wir es sehen. Unsere Computer würden nicht funktionieren (ok, schlechtes Beispiel), unsere Raumsonden würden nicht abheben, unsere elektronischen Geräte würden nicht arbeiten, unsere Medizin würde nicht funktionieren. Tatsächlich funktionieren all diese Dinge aber, eindrucksvoll gut. Wissenschaft ist die Kontrolle ihrer selbst, und darum eine erstaunlich mächtige Methode, die Wirklichkeit zu verstehen.

Und genau hier trennen sich die Wege von Wissenschaft und Religion. Wissenschaft basiert nicht auf Glauben. Wissenschaft basiert auf Beweisen. Wir haben Beweise, dass sie funktioniert, eine riesige Anzahl davon, Milliarden von Einzelteilchen, die sich zum großen Bild der Wirklichkeit zusammenfügen. Das ist der kritische Unterschied. Glaube, wie er von den meisten Religionen interpretiert wird, basiert nicht auf Beweisen; an ihm wird festgehalten trotz aller Beweise gegen ihn. In vielen Fällen wird der Glaube bestärkt, wenn gegenteilige Beweise gefunden werden.

Die Behauptung, dass wir an die Wissenschaft glauben, so wie wir an eine Religion glauben, ist ein derartig grobes Missverständnis davon, wie Wissenschaft funktioniert, dass sie nur von jemandem geäußert werden kann, der keine Ahnung hat, wie die Wirklichkeit funktioniert.

Das nächste Mal, wenn euch jemand erzählten möchte, Wissenschaft würde genauso auf Glauben basieren wie Religion, oder dass Evolution eine Religion ist, weist sie genau auf das hin. Vielleicht überwältigen die Belege der Wissenschaft sie. Vielleicht auch nicht; es ist schwierig, jemanden von einem Standpunkt abzubringen, den sie nicht durch eigenes Nachdenken eingenommen haben. Aber das nächste Mal, wenn sie vor einem Computer sitzen, werfen sie vielleicht einen kritischeren Blick darauf, und überlegen, ob seine Arbeitsweise ein Wunder ist, oder das Ergebnis von hervorragenden Köpfen, die sich über viele Jahrhunderte hinweg nach der wissenschaftlichen Methode abmühten.

Translation of the article „Is science faith-based?“ from the Bad Astronomy Blog by Phil Plait.

Freundlicherweise wurde anlässlich der spanischen Übersetzung des Artikels auch nach einer deutschen gefragt. Na bitteschön! 😉

Skeptiker ohne Humor

Februar 21, 2008

Wir sind uns dessen vielleicht nicht allzu oft bewusst, aber wir können uns im Good Old Europe doch sehr glücklich schätzen, nicht jedem Wahnsinn aus den Unmöglichen Staaten von Absurdistan ausgesetzt zu sein.

Die Rede ist von den Auswüchsen des sogenannten Kreationismus; ein Wort, das bis vor kurzem noch garnicht existierte, und am besten gleich wieder vergessen werden könnte, würden nicht aus in unseren Breiten (und Längen) diverse Versuchsballons gestartet werden, um zu sehen, wie das Gläubige Volk die Frohe Nachricht aufnimmt. Die Reaktionen waren weitgehend ablehnend, wie wir uns erinnern.

So freuen wir uns natürlich immer wieder, wenn wir auf Webseiten stoßen, die das ganze Unwesen satirisch betrachten, im konkreten Fall der Seite der Brites (alleine der Name „Biological Research Institue for Theoretical Evolution Studies“ ist ein geistiger Genuss), dessen Vorstandsvorsitzender den verräterischen Namen Dr. Galapagos Finch trägt.

Was haben wir Tränen gelacht, als wir von der Niederlage der von uns äußerst geschätzten Herren Richard Dawkins und P.Z. Myers erfuhren, als es um den Beweis der Existenz Gottes ging, wie ihn schon ein gewisser Herr Gödel praktizierte. Über die Nachricht, auf dem Hof eines Autoschlachters hätte sich ein Hummer in einem Tornado von selbst zusammengesetzt, staunen wir immer noch – immerhin ein Beweis, dass spontane Schöpfung auch heute noch möglich ist.

Zu unserer großen Enttäuschung müssen wir jedoch feststellen, dass nicht jeder mit einer derartigen Sensibilität für subtilen Humor ausgestattet ist, wie wir.

So wird den Brites, in deutlicher Verkennung der Umstände, sogar stalinistisches Operieren mit Fotoretuscheprogrammen vorgeworfen, um echte Nobelpreisträger durch minderbegabte Unintelligente Designer zu ersetzen. Na pfui!

Und kaum passen wir eine Sekunde lang nicht auf, pflanzt sich das Missverständnis weiter fort. So titelt der nächste Blogger: „How creationists manipulated an old conference photo… (text in German)„, ohne zu erwähnen, erstens dass es sich um Satire handelt, zweitens dass das Original ohnehin auf Englisch verfasst wurde.

Und schon sehen wir vorher, wo das alles enden wird: Die lieben IDler werden sich einen Ast ablachen, dass die dummen Skeptiker nicht in der Lage sind, Satire aus den eigenen Reihen als solche zu erkennen. Kein Wunder auch, wo sie doch nicht an Gottes gerechte Wege und Erleuchtung auf denselben glauben. Ätschibätsch.

Und schon gehts weiter in der lustigen Propagandaschlacht.

Mutter Natur, wer hätte das gedacht

Februar 17, 2008

Wer seine Lieblingspflanzen mit Pfuigackspray besprüht, muss damit rechnen, dass Schädlinge Immunität dagegen entwickeln. Diesen Mechanismus kennen wir schon lange, und wer schon mal Gelsenrepellanten aufgetragen hat, und an deren Wirksamkeit gezweifelt hat, kann mit dem Gemüse mitfühlen.

In Analogie gilt daher: Wer seiner Lieblingspflanze ein Pfuigackgen einpflanzt, muss damit rechnen, dass Schädlinge Immunität dagegen entwickeln. Diese wenig überraschende Nachricht entnahmen wir heute unserer Lieblingstageszeitung, die uns die tägliche Sensationsnachricht in leicht (un)verdaulichen Happen aufbereitet.

Wer die Evolution ignoriert, hat aus-evolviert. So schauts aus.

Werbewahnsinn

Februar 12, 2008

Wir haben uns ja schon immer gefragt, wer denn jemals auf die Idee kommen würde, auf eines der vielen bunten blinkenden hinreißenden verführerischen Werbebanner zu klicken, die uns tagtäglich unsere Online-Existenz versauen.

Nun endlich gibt es die Antwort in Form einer frischgebackenen Studie, und sie lautet: so gut wie niemand.

Damit die Wahrheit nicht so offensichtlich auf das arme Marketinghirn prallt, muss man natürlich noch an der Wortwahl feilen, wie z.B.:

the study reveals that a very small group of consumers who are not representative of the total U.S. online population is accountable for the vast majority of display ad click-through behavior

Wir sollten den armen (im doppelten Sinne des Wortes) Klickern aber nicht allzu böse sein. Immerhin ermöglicht ihr Klicken uns einen gratisenen Webgenuss. Am Ende kommt noch wer auf die Idee, man müsste für Online-Inhalte zahlen.

Social Networks sind sooo … 2007

Februar 12, 2008

Alle sind überrascht, entsetzt, verzweifelt (zutreffendes bitte ankreuzen), aber die Wahrheit, wie sie hier gepostet wurde, lässt sich nicht länger leugnen: Soziale Netzwerke sind eine Zeitlang interessant, verlieren aber ihren Reiz, wenn man alle Leute, die man schon aus vergangenen Netzwerken gekannt hat, auch im neuesten Netzwerk wiedergetroffen hat.

Nur zur Erinnerung: Wachstumsphantasien sind das Um und Auf jeder Website, das haben wir schon zu New-Economy-Zeiten gelernt, und das Platzen der Bubble ist uns jedesmal lebhaft vor Augen, wenn wir einen Blick auf unser Aktiendepot werfen.

Kein Wachstum, kein Geld durch Werbung, kein Marktwert; sind die Userleins einmal fort, streift die neueste Community die Werbegelder ein.

Ein Negativwachstum von 24% year-to-year kennzeichnet das, was eine unserer Lieblingsnachrichtenseiten als „Facebook Fatigue“ bezeichnet. Bewertungen von Netzwerkseiten, die in Milliardenhöhen schweben, berichtigen sich nach 1-2 Jahren von selber. Glücklich ist, wer finanziell nicht involviert ist.

Selbst unsere Lieblingstageszeitung, die vor einem Jahr noch Second Life gehypet hat bis zum Gehtnichtmehr, muss mittlerweile die tragische Wirklichkeit erkennen, dass von den 11 Millionen registrierten Usern täglich nurmehr 2 oder 3 online sind.

Vollends ernüchtert müssen wir erfahren, dass sich auch lichtscheues Gesinde auf myFaceLife rumtreibt, um die Bandenmitglieder anzuheuern.

Und wer glaubt, bei den gaaanz groooßen Sites wäre es möglich (immerhin haben die die Entwicklungswerkzeuge und das Know-How zur Hand, um sowas einbauen), sich einfach abzumelden, und sein Profil und alle erfassten persönlichen Daten zu löschen, der darf ganz schnell aus seinem Traum aufwachen.

Community Tech Preview (CTP) des neuen Eintrags

Februar 5, 2008

Die letzten Wochen waren für uns eine spannende und überwältigende Zeit, da wir uns auf die weltweite Veröffentlichung dieses Eintrags vorbereiteten.

Zahlreiche Leser berichteten uns von ihrer Faszination während des Probelesens, und das allgemeine Echo war umwerfend!

Wir werden natürlich auch weiterhin unseren Fokus auf die Weiterentwicklung dieses Eintrags legen, nicht nur in der nahen Zukunft, nein – als langfristiges strategisches Ziel.

Im Sinne einer offenen Kommunikationspolitik sollen daher etwaige Unklarheiten beseitigt werden, und wir werden die Öffentlichkeit informieren, wann dieser Beitrag in seiner endgültigen Fassung zum Download zur Verfügung steht.


Was tun, wenn man einen selbst gesetzten Termin wieder einmal verschusselt, so wie man schon in der Vergangenheit gewohnheitsmäßig Termine nicht einhielt? Der von uns allen geschätzte Joel Spolsky ärgert sich zurecht, dass Microsoft sich selbst bejubelt, wenn wieder mal ein Stichtag ereignislos verstreicht. Statt dessen gibts Lobhudelei über die eigenen Bemühungen, und wie toll nicht alles werden wird.

Als Dankeschön dafür verfasste Phil Factor eine alternative Version der Selbstbeweihräucherung: Microsoft Boy kündigt seine Hausübung an.

Ganz nebenbei weist Tim Anderson auf die Bemühungen Microsofts im Bereich der Entwicklung neuer Bedeutungen bestehender Wörter hin: Während wir früher naiverweise annehmen mussten, dass Produktstart (launch) und Veröffentlichung (release) ein und dasselbe sind und daher zeitgleich passieren, darf mittlerweile ein halbes Jahr zwischen Launch und Release vergehen.

Wir nehmen die semantische Änderung gerne zur Kenntnis.